Clément Cogitore – Katharsis und Fluch
Clément Cogitore, Les Indes Galantes, 2018 (still). Courtesy the artist and the Gallery Eva Hober (FR) and Gallery Reinhard Hauff (DE), © 2019, ProLitteris, Zürich.

Das Kunsthaus Baselland zeigt im zweiten Teil der Ausstellung von Clément Cogitore die zwei Videos, für die er den Prix Marcel Duchamp erhalten hat. Beide drehen sich um die Verbindung von Bildern und Ritualen. Beim einen werden Identitäten neu verhandelt, beim anderen Vorstellungen zementiert.

Noch einmal! Die rhythmische Musik aus Jean-Philippe Rameaus Ballett­oper «Les Indes Galantes» und die ungewohnten Bewegungen der Krump-Tänzerinnen und Tänzer ziehen uns in ihren Bann. Und wir möchten es noch einmal sehen: die ein­dringlichen Gesten, die Mimik, die Mischung aus freien Improvi­sationen und kurzen Choreo­grafien. Die Szene wirkt wie ein Ritual, ein Tanz nicht für ein Publikum, sondern für sich als Gemein­schaft. Krump entstand denn auch in den Ghettos im südlichen Los Angeles als Versuch, sich eine andere, gewaltlose Identität zu erschaffen. Die Tanzenden erzählen aus ihrer Erfahrung mit Gewalt, aber sie stellen sie dar, um sie zu überwinden. «Es ist die gleiche Symbolik, die Rameau Anfang des 18. Jahrhunderts in der Auf­führung von indi­anischen Tänzen in Paris wahrnahm», so Clément Cogitore (*1983). Für sein fünf­minütiges Video hat er den 4. Aufzug auf der Bühne der Pariser Oper gefilmt. Der französische Künstler und Filmemacher reflektiert Rituale, welche die Entstehung von Bildern und deren Verbreitung be­gleiten, sehr genau. In «Les Indes Galantes» nutzt er das Medium Film gleicher­massen wie das Potential des Theaters als Ritual. Er filmt die Tanzenden aus nächster Nähe und lässt uns damit am Geschehen teil­haben. Die trans­formierende, kathartische Wirkung überträgt sich auf die Gemeinschaft von Tanzenden und Zuschauenden.

Von dieser befreienden Energie sind wir in «The Evil Eye», der zweiten Videoarbeit, weit entfernt. Sein Grundton ist apo­kalyptisch. Eine sanfte, weibliche Stimme berichtet in einem prophetischen Brief an ihren Geliebten von einer drohenden Kata­strophe. Wer ist sie? Die Frauen in Cogitores 15-minütigen Videomontage haben keine Stimme, ihre Persönlichkeit und Körper­lichkeit ver­schwinden hinter stereotypen Bild­ober­flächen. Sie stammen aus Katalogen internationaler Bilddatenbanken wie Getty Images oder Shutterstock. Produziert wurden sie für die Werbung, politische Kampagnen oder Unter­nehmens­­filme. Anstelle von Namen tragen sie Nummern: Nr. 615462520 «Beautiful redhead girl tossing her long hair», Nr. 466905618 «Frauen vor dem Fernseher». Bar jeglicher Musik oder Text entlarven die Bilder ihre hypnoti­sierende Wirkung, mit der sie uns verführen wollen. Clément Cogitore setzt sie in Beziehung zur tief in unserem Ge­dächtnis verankerten Vor­stellung der Frau als Ursprung des Bösen. «Der böse Blick ist unter uns», heisst es an einer Stelle. Doch bleibt er ungreifbar. Die Schlange verkriecht sich in einem der unendlich vielen Servern, die unsere massenhaft produzierten Bilder speichern.

Clément Cogitore – Katharsis und  Fluch

«Clément Cogitore (Part II)»
Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel
25. Februar bis 28. April 2019
kunsthausbaselland.ch
clementcogitore.com

Publiziert in:
Kunstbulletin 6/2019, S. 112/113.
artlog.net

→ PDF

Share on email
Email
Share on facebook
Facebook
Share on pinterest
Pinterest
Share on email
Email
Share on facebook
Facebook
Share on pinterest
Pinterest
Share on email
Email
Share on facebook
Facebook
Share on pinterest
Pinterest