
Das Kunsthaus Baselland zeigt die erste institutionelle Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum von Anna Maria Maiolino. Eine einzigartige Möglichkeit, das Werk einer der wichtigsten brasilianischen Künstlerinnen und das Leben einer selbstbestimmten Frau kennenzulernen.
Basel — «I am an artist», beginnt ein Gedicht von Anna Maria Maiolino (*1942) und endet mit «I am a woman». Zwei Zeilen, zwei Gewissheiten. Das Schreiben gehört zu den vielen Ausdrucksweisen der Künstlerin. «I seek in each word the weight, the intensity, the presence of certainties / But which certainties?».
Eine Antwort darauf ist ihr Körper, der sie verortet, auch wenn sich um sie alles ändert. Und das war häufig der Fall. Aufgewachsen in Kalabrien, kam sie mit zwölf Jahren nach Caracas, mit achtzehn nach Rio de Janeiro, mit sechsundzwanzig nach New York, inzwischen mit zwei Kindern, mit denen sie 1973 alleine in das von einer Militärdiktatur beherrschte Brasilien zurückkehrte. Ihr Körper ist auch in den ersten Performances, Filmen und Fotografien präsent. Die Arbeiten widerspiegeln das von Repression geprägte Umfeld; gleichzeitig zeugen sie von dem kreativen Aufbruch, der damals in den Kunstavantgarden stattfand.
Die Ausstellung spannt den Bogen von den 1970er Jahren bis heute. Zwar fehlen die raumgreifenden Installationen aus Ton, doch während der Art Basel wird die Performance «Entrevidas» (Between Lifes) als skulpturale Intervention inmitten der Ausstellung realisiert. Auf dem Boden verteilte Eier werden sich mit den Fotografien aus der Serie «Vida Afora» (A Lifeline) verbinden, die das Ei als fragilen Körper und starkes Symbol für Leben und Fruchtbarkeit inszenieren.
Die Werke in der Ausstellung finden Widerhall ineinander, tragen einander weiter. Das Einzige, das linear fortschreitet, ist das Alter. Gegen Ende der Ausstellung begegnen wir in Nahaufnahmen der gealterten Haut, die sich wie eine Landschaft vor uns ausbreitet. Anna Maria Maiolino singt leise ein neapolitanisches Lied und die Haut verschmilzt mit der süditalienischen Landschaft ihrer Kindheit. «Un momenta, por favor» heisst die Arbeit, die aus dem leeren Zustand einer Pause heraus entstand. «in nothingness, where everything begins / I speak and write». Der Faden taucht wieder auf, der in «Por um fiem» (By a Thread) lose durchhängend von Mund zu Mund führt und so drei weibliche Generationen verband: Grossmutter, Mutter, Tochter. Jetzt ist er Teil eines Liebesspiels zweier junger Menschen, die sich einander annähern, bis zum Kuss. Die Schere, die den Körper in den frühen Werken zu verletzen drohte, ist weit weg. Doch reflektiert Anna Maria Maiolino auch mit fast achtzig Jahren noch das politische Geschehen. Während der Pandemie initiierte sie die Zeitschrift «PRESENTE», um die Kulturschaffenden aus der Isolation zu holen und gemeinsam für die Kunst einzutreten.
Erschienen anlässlich der Ausstellung
Anna Maria Maiolino – In the sky I am one and many and as a human I am everything and nothing
Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel
11. Juni bis 26. September 2021
kunsthausbaselland.ch
Publiziert in:
Kunstbulletin 3/2021, S. 94/95.
kunstbulletin.ch
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