Karim Noureldin «Equinox»
Karim Noureldin, «Equinox», Ausstellungsansicht Galerie von Bartha Basel 2019.

«Equinox» beschreibt eine Gleichung von Tag und Nacht, Helligkeit und Dunkelheit, Beginn und Ende. Karim Noureldin hat den Titel für seine neue Zeichnungsserie gewählt und für seine Ausstellung in Basel, in der er die «Equinox»-Zeichnungen gemeinsam mit zwei grossen textilen Bodenobjekten zeigte. Die Kunsthistorikerin Meret Arnold hat den Künstler in seinem Atelier getroffen, um über seine neuen Arbeiten zu sprechen.

Im Atelier von Karim Noureldin liegen mehrere zusammengerollte Bildteppiche übereinander, an der Wand hängen ein genähtes Stoffwerk, Fotografien und gerahmte Zeichnungen. Am Boden sind auf zwei Stapeln grossformatige Zeichnungsblätter ausgelegt. Die verschiedenen Medien und Techniken gehen fliessend ineinander über. Die Zeichnung zeigt sich hier als unerschöpfliche Quelle für Bildideen und schöpferische Prozesse.

Meret Arnold: In Basel hast du vergangenen Sommer deine neue Werkgruppe «Equinox» präsentiert. Mit was beschäftigst du dich da?

Karim Noureldin: Die «Equinox»-Serie dreht sich um zwei verschiedene Bildkonzepte. Das eine leitet sich von der Linie her, das andere von der Fläche. Sie sind einander entgegengesetzt und trotzdem ergänzend miteinander verbunden. Die Mittelformate sind flächig aufgebaut, dicht und farbig. Die Linie verschmilzt mit dem Hintergrund. Diese Zeichnungen wirken vage, diffus, dunkel. Die Grossformate hingegen sind hell und klar. Die Linie steht im Fokus und hebt sich deutlich vom unbearbeiteten Hintergrund ab. Es sind Qualitäten, die wir unter anderem der Nacht oder dem Tag zuordnen, um auf den Titel zurückzukommen.

Meret Arnold: «Equinox» hiess auch die Ausstellung, die neben den Zeichnungen grosse textile Bodenobjekte zeigte. Wie steht der Titel damit in Zusammenhang?

Karim Noureldin: Die ganze Ausstellung gründete auf der Idee der Dualität. Sie bestimmte zum einen die Verbindung von Textilem und Zeichnerischem und zum anderen das Verhältnis zwischen Wand- und Bodenbild.

Meret Arnold: Die Dualität, von der du sprichst, mag konzeptuell erscheinen, doch wirkte das Spiel von Farben und Formen intuitiv und sinnlich. Insbesondere in den farbigen, flächigeren Arbeiten zeigst du eine Verspieltheit, wie sie bereits deiner Serie «Play» innewohnte.

Karim Noureldin: Seit der Serie «Evo» werden meine Zeichnungen tatsächlich verspielter. Die Fläche und das Ornamentale werden wichtiger. Damit einher geht auch eine andere Bewegung im Zeichnen, also wie ich ein Bild entwickle: In «Evo» vollzog sie sich eher von innen nach aussen, vom Zentrum zum Rand. In den neueren Arbeiten seit «Play» und den aktuellen «Equinox» ist es gerade umgekehrt. Jetzt ist es eine Verdichtung nach innen. Das betrifft auch die textilen Werke. Ich nenne sie «Des», ein Kunstwort, das einen Klang oder ein Klangbild evozieren soll.

Meret Arnold: In der Ausstellung gab es ein Kabinett mit einem Tisch, der kleinformatige Zeichnungen aus verschiedenen Werkgruppen seit 1992 versammelte. Was war die Idee dahinter?

Karim Noureldin: Der «Zeichnungsraum» ermöglichte eine intimere Auseinandersetzung mit meinen älteren Werken. Er gab Einblick in die verschiedenen Stile und Themen. Nicht zuletzt zeigte er meine Verortung in der Zeichnung.

Meret Arnold: Trotzdem zeigst du eine grosse Offenheit gegenüber anderen Gattungen und Medien. Zu nennen wären deine Kunst-und-Bau-Werke, deine Fotografien oder Wandmalereien. Seit 2017 setzt du zeichnerische Entwürfe in Teppiche um. Was hat dich dazu bewogen, dein Schaffen ins Textile zu erweitern?

Karim Noureldin: Für mich haben die textilen Werke eine starke Verbindung zur Zeichnung. Sie fügen sich auf natürliche Art und Weise in meine künstlerische Entwicklung ein. Beide strahlen die Direktheit der prima idea aus. Dazu passt, dass ich die Bildteppiche wie die Papiere einfach zusammen- und wieder ausrollen kann. Typisch für die Zeichnung ist ausserdem das oft Imaginäre, das Denken, die Sprache. Und da sind wir wieder beim Textilen, denn Weben und Schreiben haben einen gemeinsamen Ursprung: Lateinisch texere bedeutet «weben, flechten».

Meret Arnold: Diese Bezüge zwischen dem Zeichnerischen und Textilen wurden auch in der Ausstellung evident. Hinzu kam der Dialog mit dem Raum, der in deinem Schaffen seit Beginn eine zentrale Rolle spielt. Im Gegensatz zu den Zeichnungen liegen deine textilen Arbeiten teppichartig auf dem Boden und gehen damit nicht nur eine andere Verbindung mit der Architektur ein, sondern verlangen auch eine andere Art der Wahrnehmung.

Karim Noureldin: Mich interessiert die Tradition der Bodenbilder in Form von Mosaiken, Intarsien oder Teppichen. Bereits in früheren Werken wie zum Beispiel in «Zigzag» habe ich mich damit beschäftigt. Meine textilen Bodenobjekte führen diese Auseinandersetzung weiter. Hier interessiert mich, dass sie eine Beziehung zum Raum herstellen und trotzdem eigenständig bleiben. Sie sollen als Bilder wirken und als solche ihre Kraft entfalten, unabhängig von der Architektur.

Auf einem Tisch im Atelier wartet eine angefangene Zeichnung auf ihre Bildwerdung. Karim Noureldin wird das ganze Werk erst am Schluss überblicken. Im Prozess ist seine Distanz zu ihm aufgehoben, ist er mittendrinn in den Farben und Formen, Linien und Flächen.

Karim Noureldin – Equinox

Gespräch mit Karim Noureldin
«Karim Noureldin – Equinox»
Galerie von Bartha, Basel 2019
karimnoureldin.net

Publiziert in:
von Bartha Report N° 15/2020, S. 38–41.
vonbartha.com

 

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